Von Berührungen, die beleben


torso

Der Schmerz um meine verlorene linke Brust braucht Raum. Von Tagebuchnotizen ausgehend und von den nachdenklichen und nachspürenden Emotionen, die diese auslösen, weitergehend, gelingt es mir, den eigenen liebevollen Blick auf meinen Körper zu erneuen. Mein Blick, der dem Blick der anderen verwandt ist, ist als erstes ein Blick zwischen Neugier, Scheu und Angst. Jetzt ist es ein ruhiger, phantasievoller Blick.

Der erste Moment des Wissens um den Verlust war der Moment des Aufwachens aus der Narkose im Reanimationsraum. Mir war entsetzlich kalt in den sterilen Räumen. Das schneidende Bewußtsein für den Verlust meiner Brust füllte meine Augen mit Tränen. Ein Empfinden fast von Traum, aus dem ich nur zu Erwachen bräuchte. Ich weiß, dies ist das Erwachen. Dies ist das Erwachen aus keinem Traum.

Nach nicht genau bestimmbarer Zeit wurde ich auf eine andere Trage gelegt und auf die Station gefahren. Im Gang saßen ein Räuber und ein Matrose. Ich war so froh sie zu sehen. Da die Schwestern umsichtig genug waren, mir ein Einzelzimmer zur Verfügung zu stellen und mich nicht in einem Dreibettzimmer mit ständig wechselnder Belegung unterzubringen, hatte ich Ruhe und Unabgelenktheit mit ihnen. Ich ließ mich ganz von ihrer warmen Nähe umspülen. Sie waren zauberhaft. Ich habe über sie ein sanftes, lächelndes und sehr konkretes Gefühl, am Leben zu sein, erfahren nach der Operation. Ihre Anwesenheit versicherte mich meiner Realität. Nur durch die größtmögliche Einbeziehung der Menschen in meinem Leben in die Abläufe und meine Befindlichkeiten sah ich eine Chance, die Therapien zu überstehen und lebendig aus ihnen hervor zu gehen. Ich ging in die Offensive.

Als ich dann allein war, erkundete meine Hand den Verlust und tastete vorsichtig über den Verband. Die Finger sehen vor dem Auge, ein tastendes Tiefseeorgan. Da die Hautzellen nach einer Amputation sich erst regenerieren müssen, ist der Narbenbereich fühllos. Die Hand erinnert noch die Brust und fühlt ein ganz neues Gefühl, ein flacher Oberkörper ohne runde, weiche Wölbung. Es fühlte sich fremd an, aber nicht befremdend. Das Herz schlägt deutlich spürbarer gegen den brustlosen Brustkorb. Ich schlief erschöpft mit der Hand auf der Wunde ein.

Die Woche im Krankenhaus lösten sich diffuse Körpergefühle in der neuen Körperkontur mit auch angenehmen Empfindungen ab. Es waren gute Tage. Abgeschirmt von der Außenwelt waren sie angefüllt mit Selbstwahrnehmung und Trauer und Schmerzen im Brustkorb und Narbenbereich. Die Berührung mit mir selbst, ist durch den Verlust eines geliebten, mit soviel zärtlichen Momenten verbundenen Körperteils, nicht in das Exil der Schnecke gegangen, da ich die Amputation annehmen kann. Ich habe eine Phantasie für die flache linke Seite. Sie erinnert mich an meinen sechsjährigen Mädchenkörper. Diese Wahrnehmung markiert einen Beginn. In diesem Beginn lege ich ein Lächeln für mich ganz um mich herum. Diese Empfindung ist schön. Ich möchte sie mir bewahren. Und hoffe sie dauert an.

Jeden Tag kamen Freunde und brachten mir von dem Sommer in mein kleines Zimmer. Die Einsamkeit, die ich trotz der schönen Anwesenheiten empfinde, beginnt, wo ich allein mit meinem Körper in der extremen Erfahrung zwischen Verletzung und Heilung bin. Ich werde mit ihr allein zurecht kommen müssen und mit der Hilfe der Berührungen meines Lebens mit dem Leben einiger Menschen, die ich liebe.

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