Von Intensitäten, die schneiden


torso torso

Es ist der 30. Mai 2003: „DIE SIND SIE LOS“. Die Diagnose traf mich. Brustkrebs. Gleich einem Blitz. Brustkrebs. Aus heiterem Himmel. 

Cut – 
ein Filmschnitt. 

Schneidet mich heraus aus meinen Zusammenhängen. Montiert mich in einen anderen. Die rapiden Geschwindigkeiten dieses Zusammenhangs rauben mir den Atem von den Lippen. „Die sind sie los.“ Das ist nach der Mammographie. Ein Tumor. Dessen Gewebe ist so groß wie eine Zigarettenschachtel. Die nächste Überweisung. Ins Krankenhaus. Der Chefarzt, erstaunt über die Größe des Tumorgewebes: „Die sind sie los!“. Ich sitze. Ein Stein. Weiß keinen Atem. Muss atmen. Wie atmen Steine? Fühllos sitze ich. Ohnmacht ist das falsche Wort. Fühllos. In diesem Moment, um dann, in späteren Momenten, ein um so aufgewühlterer Fühlkörper zu sein. Es scheint ein Urteil in diesem Die-sind-Sie-los zu stecken. Ein Urteil dessen Bedeutung ich nicht ermessen kann. Ich kann nicht einmal ermessen, ob es sich überhaupt um ein Urteil handelt – oder etwas anderes. Die Gewissheit aber: Es betrifft meinen Körper. Es betrifft meine Brust. Meine Brust, die innerhalb eines Satzes zu einem medizinischen Fall wird. Ich bin kein Fleisch nur, von dem man etwas schneiden kann! Im Krankenhaus wird meine Brust dargestellt in bildgebenden Verfahren. Sonographie. Hochgeschwindigkeitsstanze. Kalte Angst ich. Informationen. Und Warten. Jede Information eine Bahnhofshalle. Der Anschlusszug geht in fünf Minuten. Kein Gang vor die Bahnhofshalle hinaus. Ein Blick nur aus dem Fenster. Verortung. Der nächste Blick schon auf die Anzeigentafel. Welcher Anschluss ist der richtige? Magnetresonanztomographie. Das Studium des Fahrplans und der Beförderungsbedingungen. Zu welchem Gleis den Gang wenden? Den falschen Zug vermeiden. Der falsche Zug ist eine Reise in den Tod. Das Zweitgutachten einer anderen Klinik bestätigt den Befund und die Empfehlungen des weiteren Vorgehens. Welches ist der falsche Zug? Operation in drei Tagen. Und welches der richtige? Mit welchem Ziel? Atmen. Die Entdeckung des Weiteratmens unter dem Druck der Situationen. Mit welchem Ziel? Überleben. Überleben, da ich gegen diesen Krebs die Kraft meines Lebens setze.

Die erste Woche heißt, durchlässig werden für das Unvermeidbare. Es zulassen, damit ich es verstehen kann, damit ich aufspüre, was es bedeutet. Das Entsetzen kommt. Ich bin gemeint. Unwiderruflich ich. Und mein Leben. Ich setze mich zur Wehr. Ich höre auf zu rauchen. Das ist die erste Maßnahme. Welche Bewegung muss ich machen, um zu überleben. Um nicht zu sterben? Ich schließe mich ab gegen diese Version des Krankheitsverlaufes. Ich sehe die Möglichkeit, aber ich gehe nicht auf sie ein. Ich gehe nicht auf sie ein, da ich möglicherweise nicht mehr aus ihr hervorgehen würde. Ich betrachte sie wie einen Punkt in der Ferne, dem ich mich nicht nähern werde. Ich halte ihn im Blickwinkel, dass er mich nicht aus dem toten Winkel überfällt. Dieser Punkt ist die Relation, aus der hinaus ich meine Bewegungen hervorbringe. Diese Relation muss ich halten. Es ist ein heikler Punkt. Ich erfinde mir ein inneres Bild von mir als eine Kriegerin die auszieht, einen Eindringling aufzufinden, auf Distanz zu bringen und ihn dort zu halten. Ihn außerhalb des Landes meiner schönen lebendigen Empfindungen zu halten, daß es hell bleibt in mir.

In der Nacht vor meiner Operation schreibe ich am 05. Juni 2003 in genauer, fast schmerzhafter Wahrnehmung der Angst um mein Leben und Furcht vor der Operation, der Trauer um meine linke Brust und in äußerster Anspannung und Konzentration in mein Heft – eine Beschwörung fast, eine Anrufung und ein Atmen:

Die Unruhe der letzten Tage ist von mir gewichen. Ein großer, ruhiger Atem geht durch mich durch, wie ein Lächeln. Ich habe die Entscheidung getroffen. Die Lektüre verschiedener Bücher und die wunderbare Anwesenheit und Auseinandersetzung mit den Menschen, die ich liebe, haben mir geholfen. Es ist eine Entscheidung und eine Einwilligung in einen Weg, den ich für mich als den richtigen erkenne. Diese Einwilligung muss ich in meinem Körper und meinem Kopf organisieren. Die Grübelei über ein ‚Warum ich?‘ braucht es nicht, denn ‚Warum ich nicht?‘. Es gibt keine Stelle, an der mir darüber Auskunft zuteil werden könnte. Diese Auskunft ist mir unerreichbar. Darüber nachzudenken ist Zeitverschwendung und Vergeudung meiner Kraft und Konzentration. Meine Endlichkeit bekommt eine neue Relation. Sie ist mir auf den Leib gerückt.

Die Alternative zur Operation wäre die endlose Diagnosestellung. Es bedeutete die endlose, unentschiedene Fortsetzung der Beschäftigung mit den verschiedenen Theorien über den Krebs und dessen Heilung. Es hieße wohl auch, mein Leben dieser Krankheit zu geben und die Hoffnung auf einen Quantensprung der Forschung. Wo die Fragen zur informierten Ruhe finden, treffen sie auf die Entscheidung. Diese Entscheidung ist absolut. Ich werde sie nicht rückgängig machen können. Ich habe die eine Gewissheit, dass die Entscheidung für die Operation eine Entscheidung für mein Leben ist. Und das ist von vorrangiger Bedeutung.

Und doch im nächtlichen Zwischenraum zwischen der Entscheidung für eine Brustamputation heute morgen und dem Vollzug morgen früh locken Zweifel. Tue ich das Richtige? Aber das Leben beginnt nicht von hinten. Ich habe keinen Handlungskatalog für diese Situation. Ich muss meiner Stimme vertrauen. Sie ist das einzige von dem ich ausgehen kann. Die Kraft aus mir nehmen für diesen Weg. Meine Arbeit wird sein, etwas aufzuspüren in dieser Krise und sie in mein Leben einzubeziehen als Kraftzentrum, sie für mein Leben fruchtbar zu machen. Die Frage des ‚Wie gehe ich mit dem Krebs um?‘, ist von Bedeutung. Wie gehe ich mit dem Bewusstsein für meine Sterblichkeit um?

Weinen. Das Notieren ist unterbrochen von Weinen. In diesem Weinen Entschlossenheit. Ich bin entschlossen, entschlossen dem Krebs zwar meine Brust, aber nicht mein Leben zu geben.

Acht Monate später, nachdem ich nach der Operation 4 Zyklen Chemotherapie erhalten habe, ergänze ich: Dieses Bewusstsein, das nicht neu ist, bekommt durch die Erfahrung Brustkrebs eine neue Kontur. Es ist konkreter jetzt. Das wir sterben müssen, wissen wir. Unsere Endlichkeit ist kein Geheimnis. Wenn sie sich aber in unserem Körper durch eine Krankheit Raum schafft, verschiebt sich die Situation. Das Wissen wird zu einem tatsächlichem Gefühl und ist begleitet von Angst. Diese Angst zu organisieren ist nach Abschluss der Behandlungen wichtig. Sie nicht zu leugnen und sich ihr nicht an den Hals werfen. Sie Auge in Auge auf Distanz halten und im Bewusstsein ihrer Anwesenheit meine Handlungen zu vollziehen, die ich für mein Leben für wichtig erachte: lieben, lachen, neugierig sein, Freunde, arbeiten. Der Zorn, der mich manchmal erfüllt, reicht mir Schwingen, wenn die Erschöpfung Raum greift.

Dieser Prozess des Annehmens und Umwandelns dieser Erfahrung in Kraft und Verantwortung für mich wird andauern. Ich weiß, dass der Schritt den Weg macht und kein Schritt je zurückzunehmen ist. Und wenn die Schritte gemacht sind mit dem ausschöpfenden Bewusstsein für den lebendigen Moment, werde ich mit der Konsequenz leben können. Ich werde sogar mit ihr tanzen können.
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