Von Spiegeln, die blinzeln


"Du spiegelst dich, also bist du.“ Die Vorstellung, die wir uns von uns machen, die Vorstellung vom „Ich“, ist Produkt eines Blickes in den Spiegel. Der erste Blick, den wir im Kindesalter in den Spiegel werfen, wirft uns den Blick des Spiegels zurück. Diese Blickbewegung ist ein Bewegung, die zur Selbsterkennung führt. Die Erfahrung, die in dieser Spiegelung sich verbirgt, ist die Erfahrung des eigenen Körpers als ein ganzheitlicher, von den primären körperlichen Beziehungen zu den Eltern autonomer Körper. Das Bild, das uns der Spiegel in diesem Moment schenkt, verbindet den Moment der Wahrnehmung und den Moment der Imagination miteinander. Das Verhältnis dieser beiden Momente bestimmt zu einem großen Teil das innere Bild, das wir von unserem Körper haben und reguliert die Fähigkeit, sich von anderen Körpern abzugrenzen und sich selbst zu empfinden. Diese Selbstempfindung und Selbsterkennung läuft nach Lacan über das Verhältnis zu der Konstruktion eines Gegenbildes, dass wir uns schaffen, um unseren Körper als ganzheitlichen zu empfinden. Das heißt, daß der normale Körper sich in strikter Abgrenzung zum nicht-normalen Körper definiert. Das Gegenbild zum ganzen, heilen Körper ist der zerstückelte, der versehrte Körper. Der Vorgang der Spiegelung setzt uns in eine Situation, in der wir eine doppelte Bewegung machen. Die erste Bewegung ist der eigene Blick auf den eigenen Körper. Die zweite Bewegung ist die Konstruktion des Anderen, des Fremden, zum eigenen Bild des Körpers nicht zugehörigen. Diese Konstruktion grenzt ab und setzt eine Imagination frei, die das innere Bild unseres Körpers bestimmt.

Dieses Bild und dieser Blick werden im Laufe der Erweiterung der Welterfahrung nun anderen Bildern, die oft die Funktion eines Spiegels haben, ausgesetzt. Fotografien und Filme spiegeln uns ein Bild vom Körper, dessen Proportionen als „schön“ gelten, vom Schönheitsideal. Dieser öffentliche Spiegel und das Angeblicktwerden aus diesen Spiegeln beeinflussen die Selbstwahrnehmung und erzeugen einen ständig sich in Relation setzenden Blick auf sich selbst. Die Schönheitschirurgie hilft dem Nahekommen eines öffentlich forcierten Ideals nach. Eine kosmetische Operation als Ergänzung der täglichen Hygiene ist keine Ausnahme mehr. Das Bild, daß wir als natürliches Körperbild mit uns herumtragen, ist gar nicht so natürlich, wie wir gern annehmen möchten. Es ist eine Kunstarbeit, an der verschiedene Spiegel und Blicke einen großen Anteil haben.

Die Abgrenzung des schönen Körpers vom Hässlichen, des gesunden Körpers vom kranken gerät in die Krise, wenn wir mit einem sichtbar verletzten oder behinderten Körper konfrontiert werden. Die kollektive Einigung auf ein stereotyp Normales bricht in diesem Zusammenhang zwar nicht zusammen, aber sie wird in ihrer Selbstverständlichkeit provoziert. Diese Provokation ist eine Selbstprovokation, in der die Blicke des Betrachtenden auf ihn zurückgeworfen werden. Wenn er diesen eigenen Blick aushalten kann, passiert etwas wie das Blinzeln der Spiegel. Dieses Blinzeln lässt das Bild des Anderen und des Fremden in den Bereich der Wahrnehmung ein. Die Heterogenität erweist sich in dieser Krise als brüchig. Das Disparate greift in die heterogene Illusion und stört sie. Hier wird es möglich, die Frage nach der Bedeutung unseres Körpers zu erforschen. Die Ansprüche an ein äußeres Bild und dessen Wirkung sind nicht identisch mit der Empfindung, die man von seinem Körper hat.

Der Einschnitt, den die Mastektomie bedeutet, ist auch ein Schnitt in das Körperbild, in das innere Bild des sexuellen Körpers auch. Aus der Berührung der Krankheit Brustkrebs mit den Vorstellungen vom Geschlecht und seinen Merkmalen kommt die emotionale Besetzung des Themas. Es berührt die Bilder von Weiblichkeit, mit denen wir leben und denen wir ausgesetzt sind. Eine Frau hat zwei Brüste. Das ist das Normbild vom Frauenkörper. Eine Frau ist sonst nicht schön und nicht weiblich – oder reduziert weiblich – suggeriert  diese Norm. Brustkrebs ist eine Bedrohung dieses Körpers. Brustkrebs verweist auf dessen Verletzbarkeit. Der brustamputierte Körper ist in der Öffentlichkeit nur selten sichtbar. Selbst in den Broschüren der Krebshilfe ist er als eine Möglichkeit der äußeren Spur dieser Krankheit nicht sichtbar. Es ist, als hinge ein Bilderverbot über der durch Brustkrebs einbrüstigen Frau. Die Abwesenheit dieser Bilder in der Öffentlichkeit stimuliert eine Sicherheit des Lebens, die es nicht hat. Dieses fehlende Bild lässt vor allem ein Bild der Weiblichkeit nicht zu, das neben den präsentierten, stereotypen Bildern eine Akzeptanz bekommt und sich auch als schön und erotisch empfinden darf.
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